22/04/08 - HOLM FRIEBE
Text von Daniela Zenone
LIFESTYLE
HOLM FRIEBE, 32 Jahre alt, Journalist und Blogger ist zusammen mit Sasha Lobo Autor des Buches ,,Wir nennen es Arbeit" und hat den Begriff "DIGITALE BOHEME" geprägt und bekannt gemacht. Aber wer sind die Vertreter dieser "Digitalen Boheme"? Es sind Grafiker, Webdesigner, Journalisten, Marketing-Menschen, Kommunikationstalente, Kunst- oder Modeexperten.... alle mit der digitalen Technologie vertraut und mit dem Internet emotional verbunden. Das Netz ist für sie eine familiäre Dimension, wo sie dank Communities, Foren und Netzwerken internationale Synergien erzeugen, neue Beziehungen flechten und neue Kooperationsmöglichkeiten schaffen. Sie verkörpern eine neue Philosophie der Arbeit, die der klassischen Dimension des Produktivseins den Rücken kehrt und entscheiden sich für den Traum der Unabhängigkeit, der Selbstbestimmung in der Verwaltung der von ihnen geschaffenen Arbeit. Tatsächlich erwachsen aus der "Digitale Boheme" neue berufliche Profile. Sie sind innovativ, mit großer Vorstellungskraft und fähig, die verschiedensten Projekte aus dem Nichts heraus aufzubauen.

Du hast mit Sascha Lobo das Buch „Wir nennen es Arbeit. Intelligentes Leben jenseits der Festanstellung“ veröffentlicht. Was verstehst du unter digitaler Bohème?

Die Bohème ist für uns eine Tradition von Leuten- ursprünglich aus dem kulturellen, kreativen Bereich-, die selbstbestimmt arbeiten und das zu ungewöhnlichen Zeiten, an ungewöhnlichen Orten und in selbstgewählten Gruppen. Halböffentliche Orte wie Kaffeehäuser spielen da eine große Rolle. Die digitale Komponente bringt die fortschreitende Technologie: Wofür man früher ein mittelständisches Unternehmen brauchte, kann man jetzt am Laptop abwickeln. Für wen ist das relevant? Es ist natürlich besonders interessant für die, die in Deutschland als Mitglieder der Generation Praktikum bezeichnet werden, für die, die bis vor kurzem noch in der Talsohle der zusammengebrochenen New Economy hingen und von einem unbezahlten Praktikum ins nächste stolperten, um zu versuchen, in die Festung der Festanstellung zu drängen: Denen muss man zeigen, dass es eine Alternative dazu gibt, wenn du dir ein paar Leute suchst und anfängst, etwas selbst zu machen. Heute hat man durch das Internet weniger Hürden bei Produktion und Vertrieb zu überwinden und kann als unabhängiger Produzent auch ökonomisch tragfähig einen Nischenmarkt bedienen.

Welchen Hintergrund haben die Leute? Sind sie aus dem akademischen Bereich?

So ein Leben fällt natürlich leichter, wenn man durch Ausbildung oder familiären Hintergrund eine gewisse Rückfallebene hat, die einem den Mut gibt, es zu versuchen. Es gibt aber auch viele Leute, die keine andere Chance und so auch nichts zu verlieren haben. Auf der politischen Ebene würde man sich wünschen, dass das Ganze mehr von den Sozialsystemen abgebildet wird. Es wäre gut, wenn man, im Fall des Scheiterns, das damit immer verbunden ist, ein bisschen besser abgefangen werden würde. In Italien gibt es eine verwandte Debatte um das Buch „Generation 1000 Euro“- das ist für mich aber genau die Gegenseite, diejenigen, die versuchen, in das System hineinzudrängen und sich dann darüber beschweren. Ich fand es ein unglaublich bescheuertes Buch, weil es über diejenigen spricht, die jetzt auf der untersten Stufe der Karriereleiter stehen und sich beschweren, dass die Gehälter dort zu niedrig sind und dass man die Spesen vorstrecken muss. Aber das sind diejenigen, die aufgerückt sind und dieses Rattenrennen jetzt mitmachen. Das ist Jammern auf hohem Niveau. Das ganze System der Festanstellung ist pathologisch; wir müssen über Alternativen nachdenken.

Warum ist deiner Meinung nach die Festanstellung pathologisch?

Aus unserer Sicht stimmen da zwei Dinge nicht: Arbeitsverträge lauten immer noch auf physische Anwesenheit, auch, wenn das nicht wirklich erforderlich ist. Es gibt eben diesen archaischen Hierarchiegedanken, dass man seine Untergebenen um sich haben will, um sie zu kontrollieren. Der englische Begriff „facetime“ trifft es auf den Punkt: Die Leute halten ihr Gesicht in die Firma und sind brutalst gelangweilt oder überfordert. Sie werden dafür bezahlt, 8 oder mehr Stunden anwesend zu sein, egal, was sie in der Zeit schaffen oder nicht. Der zweite Punkt ist der exklusive Zugriff eines Arbeitgebers. Das hat mit der archaischen Leibeigenschaft zu tun, dass Firmen sich immer noch nicht vorstellen können, dass ihr Mitarbeiter auch noch andere Zwecke im Leben verfolgen. Das wird in den Arbeitsverträgen grundsätzlich ausgeschlossen, wird aber nicht zu halten sein, weil die Leute mittlerweile angefixt sind mit dem süßen Gift der Freiheit. Firmen stehen vor der Wahl: entweder schlechtere, dümmere, denkfaulere Mitarbeiter oder aber mehr Freiheit für die Angestellten.

Die analoge Bohème ist damals ausgestiegen und hat die Werte der bestehenden Gesellschaft kritisiert. Aber ist es heute nicht eine Zwangssituation, sprich, es gibt keine Arbeit, also muss man kreativ und selbstständig werden?

Das sind zwei verschiedene Diskussionen, die sich gegenseitig überlagern. Die erste sagt: Eigentlich würden sie sich doch lieber in das enge, aber warme Nest der Festanstellung kuscheln und jetzt werden sie in den freien Markt hineingedrängt. Das sagen die Gewerkschaften, die Linkspartei- und alle anderen. Obwohl es das auch gibt, wollen wir zeigen, dass jedoch auch eine Gruppe existiert, die mit den ganzen Zumutungen der Festanstellung ohnehin nichts Attraktives verbindet. Man muss diese Diskussionen auseinanderhalten.

Zu unserer Stadt Berlin: Berlin wird als Mekka der digitalen Bohème bezeichnet. Warum eignet sie sich so gut dafür?

Ich glaube, die Fallhöhe ist nicht so groß, weil die monatlichen Fixkosten nicht so hoch sind: die Nebenhaltungskosten sind niedrig, die Mieten sind im internationalen Vergleich relativ niedrig. In Italien wohnen die Leute länger bei Mama, weil in den Großstädten die Mieten so exorbitant sind, aber auch das Niveau der Tagessätze ist dementsprechend. Die geschickteste Kombination ist, zumal sich inzwischen auch Individuen so wie sonst Konzerne globalisieren, in Berlin zu wohnen und seine Auftragsgeber irgendwo anders sitzen zu haben, wo höhere Tagessätze bezahlt werden. Gibt es nicht die Gefahr, dass, wenn man die Arbeit in den öffentlichen Raum bringt, die Grenze zwischen Freizeit und Arbeit vollkommen verwischt wird? Die, die die Entgrenzung des Ökonomischen in die Privatssphäre hinein als Bedrohung empfinden, sind meist die, die Arbeit nur als den lästigen, schmerzhaften Teil sehen, der einem tagtäglich von der wachen Lebenszeit abgezogen wird. Ich beziehe mich dabei auf Frithjof Bergmann, der sagt, es ist eine milde Krankheit, eine Zeit, in der man nicht wirklich lebt, sondern nur die Stunden zählt, bis es vorbei ist. Und die Vorstellung, dass sich das ins Privatleben erstreckt, ist natürlich schrecklich.

Umgekehrt aber, wenn man eine Arbeit macht, die sich zwanglos mit dem vermischt, was man ohnehin gern tut, verliert diese Vorstellung den Schrecken und man weiß dann irgendwann nicht mehr genau: Ist das eigentlich Arbeit oder Privatleben?

Natürlich macht man auch Dinge, die notwendig sind, aber wenn man sie mit Freunden zusammen in netterem Ambiente macht, gehen sie leichter von der Hand. Ich sehe da eigentlich mehr Vor- als Nachteile.

Wie wird die digitale Bohème die Gesellschaft auf lange Sicht beeinflussen?

 Genauso wie die Polkappen langsam abschmelzen werden, wird auch das Zentralmassiv der festangestellten Arbeitsorganisationen in den nächsten 10 Jahren langsam abbröckeln. Es wird immer Bereiche geben, wo man Arbeit sucht und organisiert wie in der Industriegesellschaft, aber an den Rändern gibt es immer mehr Bereiche, wo man sich fragen kann: Muss Arbeit noch so organisiert werden? Die Leute werden einfordern, das zu ändern, weil andere sich da draußen das Recht einfach nehmen. Ich glaube, es ist der größte Impact dieser Gruppe, dass sie die anderen vor sich hertreibt und die Latte der Lebensqualität ein Stück höher hängt, so dass die Leute in Festanstellung ins Grübeln kommen, ob das denn alles ist und wie sie ihr Leben verschwenden. Es gibt da also so ein Störfeuer von außerhalb, das Arbeitgeber und die Politik unter Druck setzt. Früher fanden Initiativen immer im rein künstlerischen oder rein politischen Bereich statt, heute geht es eher in die Richtung, dass man eine Firma gründet, wenn man Weltmacht entfalten will. Die dänische Künstlergruppe Superflex hat im Kunstkomplex angefangen. Außer Kunst zu produzieren wollten sie aber auch etwas bewirken und haben inzwischen mehrere Firmen gegründet, mit dem Ziel, den globalen Ausbeutungsverhältnissen etwas dagegenzusetzen. Zum Beispiel haben sie mit brasilianischen Guarana-Bauern, die vom Weltmarkt ausgebeutet werden, ein Energydrink-Label gegründet, was mittlerweile in Europa distribuiert wird. Das ist der spannendste Gedanke: Wie kann man dieses neue ökonomische Bewusstsein einsetzen, so dass man nicht nur selbst mit einer Million nach Hause geht, sondern Ziele, die früher aus dem Bereich des künstlerischen und politischen Engagement artikuliert wurden, tatsächlich besser umsetzt und erreicht?

Ein paar Worte über dich, deinen Blog, die Zentrale Intelligenz Agentur...

Ich habe ganz klassisch Betriebswirtschaft studiert, in Volkswirtschaft abgeschlossen und nebenbei immer viel für Zeitungen gearbeitet und eigene Zeitungsprojekte verfolgt. Danach arbeitete ich als Unternehmensberater und schaute mir das genau an mit der Festanstellung, hatte dann aber schnell die Schnauze voll. Durch den Kontakt mit vielen Firmen und Unternehmen sah ich, wie verzweifelt die Leute in diesen Organisationen häufig sind. Das waren sehr interessante und einschneidende Erfahrungen, die Welt der Konzerne von innen zu sehen und mir wurde recht schell klar, dass ich da keine Zukunft haben würde und über Alternativen nachdenken musste. Das war die Gründungsidee der Zentralen Intelligenzagentur: Wie kann eine Firma aussehen, die all diese Pathologien nicht reproduziert? Sie ist sehr leicht und luftig gestrickt, hat keine Räume, keine Fixkosten, keine Angestellten, sondern funktioniert als loser Verbund, als Infrastrukturplattform übers Netz, wo Leute, die dort angekoppelt sind, alle Freiheiten haben, die sie sonst noch haben wollen. Gleichzeitig können wir aber das größere Potenzial, die größere Durchschlagskraft einer bestehenden und funktionierenden Organisation nutzen. Ein wichtiger Teil der Arbeit ist, dass wir dort ganz artig Aufträge im Bereich Unternehmensberatung, Format- und Konzeptentwicklung für Redaktionen und Unternehmen annehmen- zum Beispiel arbeiten wir gerade für Ebay. Der Teil der Auftragsannahme ist aber nur der eine Teil, denn daneben ist es uns wichtig, einen Teil der Zeit in selbstindozierte Projekte zu stecken, die nicht sofort als Geschäftsmodelle gedacht sind, nicht kommerziell sind. Die Riesenmaschine, ein kollektives Blog, an dem mittlerweile 50 Leute weltweit mitschreiben und das täglich 5000 Leser hat, ist daraus hervorgegangen. Es war anfangs vollkommen unkommerziell, jetzt fangen wir langsam an, es behutsam zu kommerzialisieren. Unser Festival (das Festival "Wir nenne es Arbeit" hat in August 2007 in Radialsystem stattgefunden, ndr) ist daraus hervorgegangen. Das sind alles Formate, die wir nebenbei machen und die dann ihrerseits, aufgrund der Struktur der ZIA, davon profitieren, dass wir auch professionelle Arbeit haben. Viele Lernerfahrungen, die man dort sammelt, kann man dann für die Dinge anwenden, die sonst nur auf der Ebene des Hobbys bleiben. So können wir gemeinnütziges Engagement so professionalisieren, dass wir auch dann eine größere Wirksamkeit und Sichtbarkeit erreichen.


HOLM FRIEBE
Digitale Bohéme
SALLY BELOW - SPREE 2011
Wasserwelten für die Zukunft Berlins


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